Schlingensief und was vom Tage übrig blieb

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August 23, 2010 by Syd

Lieber Christoph

Ich glaube es war zu den Zeiten, als die Doorsplatte noch den Soundtrack zum Leben gelangweilter, kiffender Kleinstädter stellte, auch wenn Jim Morrison seinerzeit schon einen simplen Grabstein auf dem Pere Lachaise stehen hatte, als der erste mit dem Raunen der Begeisterung von deinen Aktionen sprach. Die zumindest opportun links wählende Jugend, die sich auf die Fahnen schrieb, nicht dem Mainstream verfallen zu sein, hast Du von Anfang an begeistert. Ob es Deine quälend verstörenden Kunstaktionen waren (eine Mitschülerin malte damals ihre Abschlussarbeit auch mit Menstruationsblut) oder Deine schrägen, aber immer bis ins Mark treffenden politischen Aktionen, uns hattest Du auf Deiner Seite. Endlich einer, der die Qual und den Frust herausbrüllte. Theater so fanden wir, muss wenn so sein, wie Du es inszeniert hast, dramatisch, laut, schwarz. “Birne muss weg!” stand auf den Aufklebern der Jusos und so fanden wir Deine Aktion, den Wolfgangsee zum Überlaufen zu bringen nur richtig.

Du hast uns beeinflusst, ob gewollt oder nicht. Kunst musste provozieren, laut sein, schräg, aber unter all der Schreierei auch subtil und irgendwie philosophisch. Die schwarzen Rollkragenpullover motten heute irgendwo im Diakonieladen, die Bilder derer, die noch malen haben ihren eigenen Stil gefunden, die Doorsplatte (ja, wo war die nochmal) irgendwo im überlaufenden CDschrank oder auf Festplatte X verbunkert und Theater kann auch leise sein. Dass Du Wagner inszeniert hast, ja, das war dann doch nochmal neu und schade, dass ichs verpasst habe.

Dass Du Deine Krankheit so öffentlich inszeniert hast, hat mich verstört, mal wieder, aber natürlich hattest Du alles Recht, es so und nicht anders zu machen. Denn das, was bleibt, ist die Erinnerung an einen wunderbaren, tiefsinnig-marktschreierischen Künstler, jemand, der inspiriert und gefordert hat und Deinen Platz kann auch niemand einnehmen. Du wirst uns fehlen, aber Deine Arbeit als Inspiration wird bleiben. Bring den Laden auf Trab, wo auch immer Du bist jetzt, gebraucht wird jemand wie Du überall.

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One thought on “Schlingensief und was vom Tage übrig blieb

  1. Alex says:

    Mehr gibt es nicht zu sagen, außer: DANKE!

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