Tübingen, warum bist du so…..

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October 29, 2011 by Syd

Im Jahre 2 nach meiner Auswanderung von der Insel der Glückseligen, stellt sich ein anderer Betrachtungswinkel ein. Ohne Stocherkähne, Boulanger, ohne das Revolutionsblatt, ohne Palmer, ohne Tübingens Ökowelle, wie sollte man ohne das nur überleben können, dachte ich damals und irrlichterte erst einmal in die nahegelegene Bronx um schließlich ins bajuwarische Ausland zu flüchten.

Zeit für ein Fazit, jetzt, so aus der Ferne und mit mehrmonatiger Abstinenz:

Flusstechnisch lässt sich sagen, die Isar ist interessanter und die Isarauen erholsamer, als die Platanenallee zu Tübingen. Sauberer allemal und der einzige Schwimmer ist man auch nicht mehr. Da kann ich dann beinahe auf den Stocherkahn verzichten.

Nach einer Weile Abstinenz und bloßer Betrachtung machen sich aber doch die gewaltigen Unterschiede zwischen Tübingen und dem Rest der Welt bemerkbar. Ausserhalb der Tübinger Stadtgrenzen scheint es entweder weniger bedrohte Tierarten zu geben, was angesichts meines Naturschutzgebietes samt seltenster  Vogelarten und zig Biberrevieren sich aber leicht widerlegen lässt. Sogar ein Bär hatte sich schließlich schon in die Wälder und Auen Bayerns verirrt. Trotzdem suche ich erfolglos nach Leserbriefen, Bannern, Blogs, die den einheimischen Biber vor seiner Ausrottung durch Windkraftanlagen, Staudämme oder S-Bahnstrecken bewahren wollen. Kommentar zur entlaufenen Kuh Yvonne: Die Leute, die jetzt Hunderte Euros zum Fangen einer Kuh einsetzen, essen nachher bedenkenlos das Billighackfleisch vom Discounter. Ich sag ja, vernünftig sans die Bayern.

Bei uns scheint BMW wohl keine Teststrecken bauen zu wollen. Könnte natürlich daran liegen, dass wir das Naherholungsgebiet gestresster BMW-Manager sind, oder BMW lieber seine Autos gleich auf die Autobahn heizt.

Vielleicht gibt’s keine Grünen hier? Äh doch, die Lokalpresse jedenfalls berichtete enthusiastisch von der ersten Verleihung des Sepp Daxenberger Preises und mein Gemüse kann ich hier von mehr demeter-Höfen einkaufen, als Tübingen Brillenläden hat. Mein Buchhändler vercheckt Bioprodukte, die einheimische Dekomafia Feinstes aus den Ölbeständen sämtlicher Blumenverwerter Europas und meine Apotheken setzen ganz auf Schüsslersalze und Naturmedikamente im Schaufenster. Grün, grüner, Bayern. Warum die Grünen hier nicht haushoch siegen, wird mir ein Rätsel bleiben. Kann aber daran liegen, dass die örtliche CSU Bürgermeisterin grüner als mancher baden-württembergische Grüne ist und das ganz ohne Buttonfolklore und Tagblattleserbriefseiten. Blaue Jackets überlässt sie auch lieber der hier spazierengehenden Prominenz aus Funk und Fernsehen, die ihre stressgeplagten Körper gerne in Jack Wolfskinjacken packen um die Isarauen oder die nahen Berge als Burnoutprophylaxe zu erwandern. Und das Ganze zum selben Mietpreis wie in Tübingen, dafür ohne Marktplatzskandale und marktschreierische “ich muss mal wieder auf ne Demoparty”-Anwandlungen.

Ja, wenn man auf ihr sitzt, auf der Insel unserer blauen Studienabgänger und Berufsökos, dann merkt man gar nicht, dass der Rest der Welt lieber macht, als demonstriert, lieber wandert, als schriftstellerisch die Tauben schützt. Ich warte ja aus sicherer Entfernung noch auf das Eintreffen der #occupytuebingen-Bewegung. Dauert ja so ne Weile, bis die Flaschenpost den Neckar runter kommt. Aber vielleicht braucht Tübingen das ja auch nicht. Daueraufgeregt und des Demotourismusses überdrüssig sitzt man wahrscheinlich dann doch am einzigen Ort, der mir bisweilen fehlt. Denn eine Kneipe mit 40 Whiskysorten hab ich noch nicht ausfindig gemacht. Und manch ein Inselbewohner fehlt mir ja dann doch. Liegt glaub ich aber weniger an der Stadt, als am einzelnen.  Denen sei aber zugerufen, dass in meiner Haus und Hofvilla, auch als Anthroposophenhaus verschrien immer ein Plätzchen frei ist. Nur die Buttons, die muss man vor der Tür abgeben.

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One thought on “Tübingen, warum bist du so…..

  1. nirak says:

    Tübingen wäre einfach nicht Tübingen, wenn es nicht so wäre, wie es ist. Dass die Welt außerhalb dieser “Idylle” völlig anders ist, merkt man spätestens bei einem Heimaturlaub im schwäbischen Exil. Selbst in Reutlingen ereilt einem der Kulturschock relativ schnell, schneller vielleicht, als einem lieb ist! Tübingen ist und bleibt eine einzigartige Insel im Weltmeer der großen und kleinen (Welt-)Städte.

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