“Die Irren, die sind da draußen!”

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May 21, 2012 by Syd

Wenn man die Insassen von psychiatrischen Kliniken befragt, so wird man häufig dieselbe Aussage hören: Die Irren, die sind da draußen!!!!

Als jemand, der so ein neues Lebensjahrsiebt beginnt, denkt man eigentlich, man hat seinen Teil an Verrückten gesehen: Neurotische Ärztinnen in katholischen Frauenwohnheimen, die die Samenspende beim Grillabend diskutieren; amerikanische Exmilitärs, die in besagtem Wohnheim ihren security check versaufen und nackt auf Tischen tanzen, Altenpflegerinnenanwärterinnen, die ihr erstes Mal durch eine Haussprechanlage grölen nur um einen kleinen Ausschnitt eines interessanten Aufenthalts in einem katholischen Studentinnenwohnheim wiederzugeben. Danach ist einem keine Sexpraktik mehr fremd und Biomüll kann auch immer noch als ein gelungenes mikrobiologisches Experiment umgedeutet werden. Eine Fähigkeit, die man im späteren Leben durchaus gebrauchen kann.

Weil man als guter Akademiker natürlich auch politisch aktiv ist, nahm man ja auch erfreut am Jungpolitkerleben in einer größeren Volkspartei teil. Wer glaubt, dass eine Häufung von Akademikern mit den Aktionsfeldern Jura, VWL, Politik oder Pädagogik erfreulicher ist, als neoliberale Volkswirte, dem mag an dieser Stelle ein leicht zynisches Lachen entgegenschallen. Aber immerhin lernt man dort, dass Entscheidungen IMMER vor den eigentlichen Versammlungen fallen, dass Pilspakte später nur noch unter die Kategorie Freund, Feind, Parteifreund fallen können. Nun, aus dieser Episode eines durchaus zu diesem Zeitpunkt schon ereignisreichen Lebens nahm ich immerhin eine großartige Tochter von mit. In diesem Sinne-Schwamm drüwwer.

Da die Kunst ja gerne von sensiblen Clowns ausgeübt wird, dachte man sich so als ebenfalls sensibles Geschöpf: “Folgen wir der Muse in die Arbeitswelt!”.

Seither weiß ich immerhin, dass man überall auf der Welt nachts um zwei Bettwäsche, eine Currywurst und Gleitmittel kaufen kann. Ich werde das mal beim nächsten Vorstellungsgespräch gewinnbringend einsetzen. Moralisch-künstlerische Überlegenheit bringt einen auch dazu Diätpläne genauestens umzusetzen, Tattoovorlagen von Tankstellen zu faxen, auf Autobahnraststätten den Künstler nach einer Haarfärbeaktion mit der Gießkanne zu verlieren und wiederzufinden. Man trifft auf Multimillionäre, denen man Geld für ein Snickers an der Aura leihen muss, spinnerte Schlagzeuger, die nachts um drei samt Tequilaflasche sich einfach auf einen selbst fallen lassen und wegschnarchen, Groupies, die zu viert vorm Museum rumstehen und nachts in einem Bett schlafen, auf Selbstdarsteller, Dramaqueens und -kings. Lerneffekt: Es gibt nichts, was es nicht gibt! Aber sie beißen alle NICHT!

Auch im Internet lernt man aufregende Leute kennen: Merkwürdige Kleinstadtguerillas mit zwanghaftem Whiskykonsum und Klassenfahrtambiente. Leute, die man beim Renovieren einer Wohnung kennenlernt, weil man dreist um Hilfe gepostet hat, die Kleinkaliberwaffen schießen, ihre Motorräder lieben und jeden Jethro Tull Song kennen. Ja, da trubelt sich was. Lektionen? Whisky muss Schottisch sein, Jethro Tull sind super, die nettesten Renovierer stammen aus dem Saarland der Pfalz und #twitter verändert die Welt. 

Rückblickend auf all die vermeintlich irrlichternden Nadelstecher mit Opelfetisch, die hopsenden Zappelphilippe mit veganer Dauerdiät und ohne Bargeld, die verrückten, griechischen, französischen, finnischen, norwegischen  Weiber eines Studentenwohnheims; auf die Pilsaktienbesitzenden, rotweinsaugenden Parteijuristenvolkswirtepolitiker; auf Yogiteetrinkende, auspendelnde Batikrockträgerinnen, auf all die Hanskasper, die so daneben erscheinen mögen, muss ich nach 35 Jahren sagen: Ihr seid toll und vor allem TOTAL NORMAL! Liebevoll, warmherzig, diplomatisch (“Bitch, that was my coffee” kann charmant wirken), rücksichtsvoll. Ihr seid großartig, fruchtbar, und mehrt euch auch gerne in meinem Leben. Ihr seid nervig, bis zur Halskrause anstrengend, aber ehrlich. 

Die Irren, die sitzen wo ganz anders und die Moral ist längst im Keller.

Cheers

 

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One thought on ““Die Irren, die sind da draußen!”

  1. Rieke says:

    Auf die Bitches, die ohne Kaffee und Zigarette nicht komplett sind und sich ein bisschen Nimmerland bewahren und ihre gleichgesinnten, verrückten, zauberhaften Freunde!

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