Jetzt, in diesem Moment, in diesen Minuten

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May 22, 2012 by Syd

Wenn du eine Geschichte erzählst, so kann ich nur zuhören und dabei zusehen, wie du mit ausladender Gestik, die Kippe hängt im Mundwinkel, jede noch so tiefe Traurigkeit in einen komödiantischen Akt verwandelst und jede lustige Geschichte in einen verzweifelten Akt eines Dramas. Du lachst, wie kein anderer lacht. Tief, rauchig und scheppernd.

Man kann dich mit einem Kaffee, aus dem der Löffel sich nicht mal mehr traut zu flüchten und einer Packung Zigaretten bestechen, einem in die absurdesten Abgründe zu folgen. Ich saß noch nie mit jemandem an einem Tisch, den ich zwei Minuten kannte und nie wieder hergeben wollte. Du saßt da, die Beine übereinander geschlagen und hast die Kaffeetasse in der ganzen Hand gehalten und hast mir begeistert von dem Buch erzählt, das du auf der Herfahrt gelesen hattest. Absorbiert in deiner eigenen Welt und hast die Katze gestreichelt, die du nicht magst und auf einmal hat mich dein Koffer im Gang nicht mehr gestört. 

Ich habe dir gesagt, ich bin unordentlich, chaotisch, im besten Sinne unänderbar. Ich bin laut, wenn ich schweigen soll, dramatisch, wenn ich leise sein soll, ich bin kritikunfähig, wenn ich gut drauf bin. Lahmarschige Menschen machen mich krank, diplomatische traurig. Häng den Psychokram an der Garderobe auf, schreie, schimpfe, tobe, sei wütend, launisch, ekelhaft und ich werde dir verzeihen, so lange du es zu mir bist und nicht nur laut bei anderen schimpfst. Du kannst Tassen werfen, Mülltonnen treten, Rühreier am Morgen braten, bis ich keinen Bissen Brot runterbekomme vor Ekel, so lange du mit mir sprichst vor allen anderen.

Du hast gelacht, aus deiner Nase kam der Rauch und hast mich gefragt, ob ich auch denke, dass Erdbeerkuchen der beste Kuchen der Welt sei, als ich dich fragte, ob du wirklich sicher bist mich zu meinen.

Ich kann neben dir sein, ohne auch nur einmal darüber nachdenken zu müssen, was du nun von mir denkst. Du verwechselst die Begriffe nicht, du schmeisst nicht die Wahrheit mit Stimmung in einen Topf und ein Fragezeichen löst bei dir nur einen Gedanken aus und keinen Widerwillen. Deine Moral ist so leise, dass man sie übersehen könnte, aber so viel mächtiger, als jede andere geäußerte. Ein Gefühl ist etwas, das man nicht umtaufen, wegreden, rationalisieren, bändigen kann und man kann es nicht bewerten. Ein Gefühl ist niemals eine Lüge, Täuschung oder Bedrohung an einen anderen. Es ist ganz das eigene, subjektiv, im höchsten Maße narzisstisch. 

Ich habe die Fähigkeit der Kinder immer bewundert sich dem hinzugeben. Die Sonne ist gelb, ich bin traurig, glücklich, hingegeben an den Moment. Warum haben wir alle das nur verlernt? Und warum sind wir so unfähig dem anderen seine zu lassen. Warum sind wir verbittert, wenn der andere sich anders fühlt als wir? Und so wütend, wenn er sich unserem Verständnis entzieht. 

Vielleicht habe ich das am meisten an Dir geschätzt, diese Stahlbetonhaltung, deine trotzige Weigerung in mir etwas anderes zu sehen als den Menschen, der jetzt in diesem Moment, in diesem winzigen Ausschnitt der Zeit etwas fühlt, das in einem Hauch, einem Moment wieder weg sein kann. Für dich ist jeder Moment, jeder Ausbruch, jedes Gefühl ein Farbpartikel in einem Gemälde.

Du lässt dich vom Leben mitreißen mit einer Gewalt, die so viel Hoffnung verbreitet. Du lässt dich wegschubsen, es macht dich sauer, verzweifelt und wütend bis ins Mark hinunter und kehrst zurück, weil du mir sagst, warum du so tun solltest, als wolltest du nicht wieder kommen. Du hast gesagt, du musst nicht nachtreten, nicht aus falscher Ehr- und Moralvorstellung mir eine Lektion erteilen, indem du dich als Opfer darstellst. Ich habe das nicht verstanden, bis letzte Woche. Dass es nicht bedeutet Stolz runterzuschlucken bis der Magen brennt, sondern Mut so verdammt zittrig macht. Aber dass ich nicht falsch lag damit, einfach nur ich zu sein, dass es egal ist ob einem geglaubt wird, weil jeder seine eigenen Gefühle, als Wahrnehmung deklariert, als Wahrheit verkauft. Ein Gefühl ist keine Wahrheit, es ist ein Herzschlag, der lauter wird, bis man ihn nicht mehr überhören kann, weil er das Treiben einer unfassbaren Welt überdröhnt, bis man ihn hört und dasteht, entmantelt, bis zum höchsten Maße entwaffnet und nur noch in dem einen Gefühl zu Hause, das keine Lüge sein kann, weil es einen überrollt mit einer Allmacht, die nur ehrlich sein kann.

Wer von den Gefühlen eines anderen überrollt wird, der hat einen ehrlichen Menschen vor sich, kein Drama, keine Komödie, keinen Akt. Er hat etwas vor sich, was so oft vergessen wird in dieser Welt, die für alles eine Erklärung, eine Lösung, eine Handlung braucht, die alles rationalisieren, ettiketieren, benennen muss. Etwas, dem man sich nur schwer entziehen kann. Darauf muss man nicht wütend sein, im besten Falle dankbar. Dankbar für eine Offenheit, die man sonst nicht erlebt.

Du hast mir keine Vorträge gehalten, keine Vorwürfe gemacht. Du hast nicht überkandidelt herummoralisiert, als ich dich anrief und statt Erklärungen und Entschuldigungen zu faseln, dich bat nach Hause zu kommen. Du hast nur gesagt, dass das nun aber auch Zeit wurde.

Zur Hölle mit dem Rest der Welt, geht Facebookaktien diskreditieren, hyperventiliert über Dinge, die morgen anders sein können, schlagt Porzellan zu Bruch und prophezeit den nächsten Weltuntergang. Du hast gesagt, es gibt nur eine Wahrheit, nämlich die, die jetzt in diesem Moment stattfindet, alles andere ist Spekulation. In diesem Sinne, Zeit, dass du nach Hause kommst. Zeit, dass die Freundesfamilie zusammen kommt, dann kann auch die Welt untergehen.

 

 

 

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