Besucher aus einer anderen Welt

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August 28, 2012 by Syd

Knapp drei Monate sind vergangen, seit wir mit Sack und Pack Deutschland verlassen haben. Man hat einen festen Wohnsitz, die letzten PPS Nummern sind beantragt und die Schule beginnt.

Manchmal kommt einem Bayern so weit weg vor, als sei man nie da gewesen. Das Leben in Deutschland ebenfalls weit weg. Oder wie es mein neuer kleiner Freund Jake ausdrücken würde: Thank God we’re in Ireland, wer’re surrounded by water.

Und weil das allgemeine Wohlbefinden abseits einer Migräneattacke heute morgen auch kaum besser sein könnte, war man auf den ersten Besuch aus der alten Welt gespannt. Ein buntes Schaf und FrauTina und ein Anwalt aus München wagten sich denn auch über die irische See. Während ersteres seinen bayrischen Terrorismus an meinem Tisch auslebte, war die zweite doch sehr angetan von ihrem manchmal baufälligen Umfeld. Der dritte fand, dass neben München nix anstinken kann.

Aber abseits dieser Kalamitäten steht man manchmal unter Stress. Man würde so gerne teilen wollen, warum dieser Platz, warum diese Insel einem so viel gibt. Das ist oft schwer, wenn der erste Eindruck schon mal verbarrikadierte Häuser sind, Brandwunden einer gebeutelten Insel. Fest steht, wer deutsche Verhältnisse mag, wird hier enttäuscht sein. Wer das Marketingirland mit Schäfchen und Kerrygold sucht, auch. Zwar rennen hier viele Schafe herum und die Butter ist gut, aber am Ende eines langen Tages hat das soviel mit Irland zu tun, wie Angela Merkel mit dem Sozialismus.

Das bisschen Tourisightseeing fiel bei meinen Gästen auch eher unter. Newgrange, Tourinepp durch. Steinkreise haben wir hier in jedem Wald stehen, ganz ohne Eintritt und ohne Fremdenführer und Busschlangen.

Und so steht man manchmal etwas ratlos vor seinem Besuch. Man würde so gerne und weiß doch nicht, wie man am besten erzählen, zeigen und fühlbar machen kann, warum wir so schnell uns zu Hause gefühlt haben. Warum die manchmal überpferdebegeisterten Guinnesstrinker und ihre Freunde soviel entspannter sein können, als die Deutschen, die auf der Insel selbst bemerken, dass Drama hier kein Zuhause hat. “Deutschland ist hier so weit weg” bemerkte denn auch das bayrische Schaf schnell. Sagen wir das schwarze Deutschland ist so weit weg. Das Deutschland der Stempel, Vordrucke und Unfreundlichkeit. Das Deutschland, das sich über Kitalärm in der Nachbarschaft, unpünktliche Busse und die Nachbarn beschwert. Das Deutschland in dem immer alles Weltuntergang und Schmerz ist. Das Deutschland, das im Spiegel liest, dass die IRA hier sich neu gründet und dann Angst hat am Flughafen erschossen zu werden.

Vor meinem Fenster ist der örtliche Bolzplatz. Kinderlärm, Männergebrüll, Hundebellen inklusive. Ich habe noch keinen Nachbarn getroffen, den das gestört hätte. Meine Beamtin beim Taxoffice ist für Kindergeld, PPS Nummern, Jagdscheine und Schulbusse zuständig und gemäß den Formularen hinter ihr auch noch für 150 andere Sachen. Sie scheint damit klaglos klarzukommen und managt den Besucherstrom gleich zweisprachig auf Englisch und Gaeilge. Meinen deutschen Stress löste sie in nullkommnix auf, in dem sie mir erklärte, das würde alles wunderbar irgendwann laufen. Denn irgendwann kommt hier auch ein Bus, also fast immer.

Die Gelassenheit steckt an. Man lehnt sich zurück, atmet durch. Hat keine Angst mehr vor den Nachbarn, ob die sich über Kinder und Hunde beschweren könnten. Die haben alle selber welche. Der ausgebüxte Hund wurde auf dem Sportplatz dann auch gleich von fünf Männern liebevollst betreut, während der Landlord sofort ausrückte um den Zaun ausbruchsicher zu machen.

Aber wie soll man diese Gelassenheit den Menschen erklären, die einem so wichtig sind und die doch zuerst die Häuser sehen, manchmal auch das Chaos, die Wirtschaftskrise, die Blutwurst zum Frühstück? Denen man eigentlich nur selber so einen Platz wünscht, an dem sie sich wohl und zu Hause fühlen können, an dem sich das Leben nicht wie eine Aneinanderreihung von einem Stressposten zum nächsten anfühlt? Sightseeing? Eher nicht. Was soll man auch zeigen? Die Burgruinen, die Schafe, die Berge, die Küste? Dazu muss man die Weite der irischen See sehen, die große Freiheit auf einem irischen Berg fühlen können, auf dem die Feen noch tanzen und die dunklen Feen dich vom Weg abbringen wollen. Man müsste die Kinder von den Banshees erzählen hören, die nachts vor dem Fenster warten und die man nie rein lassen darf.

Aber auch das sind nur Geschichten, die wenn man ihren Zauber nicht fühlen kann, locker neben Harry Potter abgehakt sind. Man sitzt auf einem Berg und atmet durch und weiß doch, dass jeder seinen eigenen finden muss, dass all das Sightseeing und Erzählen hohl bleibt, wenn der andere es nicht so empfindet und dann bemerkt man ihn wieder. Den deutschen Stress es immer richtig machen zu wollen, vor dem man letzten Endes auf eine Insel geflohen ist und den man doch in Deutschland lassen wollte. Durchatmen, Berg, irische See. Ausatmen.

Vielleicht gelingt es mir beim nächsten Mal einfach zu sagen: Da irische See, da Berg, schauen gehen, mögen, lassen, gut oder schlecht finden und sich am Fußballlebenslärm der Nachbarn erfreuen. Erfolgreicher als jedes Ohmmmmmmmmmmmm.

Und wenn dann der Stress nicht mehr auftaucht vielleicht feststellen, dass die anderen wenigstens einen guten Urlaub hatten. Müssen ja nicht alle hier wohnen.

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