Sag mal heulst du etwa….

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October 23, 2012 by Syd

Es heult an allen Enden. Es wird geweint vor Liebeskummer, vor Mitleid mit sich selbst und anderen. Sturzbäche rauschen auf die Erde um Prinzessinnen, um echte  und bei Sissi in der Weihnachtswiederholung, im Fernsehen, daheim, vor und hinter und auf der Leinwand. In Songs wird bei Mondenschein, im Regen vor ihrer Haustür geflennt, gebibbert, geklappert und gelitten.

Und von all der Heulerei und Zähneklapperei bekommt man dann echte Kopfschmerzen hinterher. Nichts macht machtloser, hilfloser und ohnmächtiger, als wenn einen der eigene Körper vorführt und einen aussehen lässt wie ein Bündel Altkleider nach einem Regenguss im Strassengraben. Die Haare zerrauft, das Makeup verschmiert, das Gesicht entgleist und die Nase rot.

Weinen ist ekelhaft, mindestens so ekelhaft wie jeder andere Kontrollverlust. Mit dem einen Unterschied: Zu all dem Elend, das man in dem Moment verspürt, kann man sich auch gleich noch hilflos und Banane fühlen, weil man nicht genug Eier hatte, weil starke Mädchen weinen nicht. Niemals. Schon gar nicht vor anderen und schon gar nicht wegen und um und vor anderen. Zum Weinen geht man besser mit der Taschentuchbox in den dunklen Keller. Ist nicht ganz so peinlich und die Ratten interessierts nicht.

Das Mitleid und die Herablassung der Träneninterpretierer ist einem sicher, bevor die Augen röter sind als nach dem jugendlichen Kiffen am Lagerfeuer.

Und während man verlegen ins nasse Tuch schnieft und einem der Rotz runterläuft, stehen sie parat: Die Menschen, die einen umarmen wollen und einem erzählen, dass das alles nicht so schlimm ist und warum und wieso und überhaupt und trallala.

Dann möchte man fauchen, wie das heimische Kätzchen und “geh doch weg!” brüllen, weil einen die Welt nie versteht, sowieso in diesem Moment nicht und alles ungerecht ist und ausserdem ist morgen kein neuer Tag und andere Mütter haben genauso beschissene Söhne und alle Chefs wollen Revenue und nicht wissen, ob deine Katze tot ist oder du deine Tage hast, oder ob du sie nicht hast und genau. Ach Scheiße, geht doch alle weg.

Flucht gehört zur Ohnmacht. Man will weggehen, fortlaufen, sein Elend ersäufen, trotzig sein dürfen und einfach nur mal fünf Minuten lang alles richtig dämlich finden dürfen, ohne dass jemand dein Elend bewertet, entwertet, aufwertet oder abwertet. Und rausschreien mag mans und dazu die mieseste Mainstreamplatte hören, weil Jon Bon Jovi auch heult, draussen im Regen vor der Tür oder man mag schreien und Machine Head sind immer noch nicht laut genug für den Zorn und Eminem kanns zur Hölle auch nicht leiden, wenn er versagt hat.

Man will einfach nicht beim Weinen gestört werden. Ich jedenfalls nicht. Ich möchte wie bei Bambi damals im Dunkeln weinen, während die anderen lautstark am Popcorn knabbern. Ich möchte auch gar nicht erklären warum oder weshalb. Ich will auch nicht wissen, dass der Film gut ausgeht und morgen ein neuer Tag ist. Ich will nicht wissen, dass ich alles falsch sehe und paranoid bin und in diesem Moment nicht zurechenbar und ausserdem und sowieso und bei mir damals.

Du weinst, weil Kinder in Afrika sterben, ich weine, wenn ich alles gegeben habe und trotzdem mich fühle wie der kleinste Hamster im Käfig eines heruntergeratzten Tierheims.  Ich weine, wenn ich genervt bin und meine Nervenenden Tango tanzen, weil ich vor Müdigkeit nicht mehr stehen, sitzen oder laufen kann und trotzdem nicht krank gemacht und rumgejammert habe. Ich weine, weil mich Erschöpfung hilflos macht. Und danach bin ich noch müder und muss duschen. Und Kaffee trinken und einen Schluck Whisky weil der einen wieder rausholt aus dem Loch und aufweckt und dann, dann können wir vielleicht reden. Aber besser wir lassen’s. Tränen lügen nicht, Tränen diskutiert man einfach nicht.

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One thought on “Sag mal heulst du etwa….

  1. Isolde says:

    Ein wieder mal rundum gelungener Text zu einem Thema, das zermürbend ist. Danke. Nur: danke. Sei dir gewiss, du wirst gedrückt ohne nervende Fragen und auskotzen ist inbegriffen. Sag nur, ob Tempo oder kleenex; ob Bier oder Whisky; Schaufel oder Schäufelchen.

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