Kleine Helden

2

December 20, 2012 by Syd

Liebe Annemarie, liebe Stefans mit f und ph, liebe Isolde, liebe Vera, my dear Johnny, liebes Mariechen

Briefe schreibt man normal nicht öffentlich, aber in diesem Falle schon. Es war ein umtriebiges, ein krisenreiches Jahr, das mit einer neuen Heimat auf einer kleinen grünen Insel endete. Unser bisheriges Leben verschwand in einem Abfallcontainer und wir haben wie man so schön sagt von “scratch” auf neu angefangen. Und dennoch. Auch wenn am Ende drei Menschen und ein Hund die Flieger mit drei Koffern bestiegen haben, so wäre es niemals ohne Euch gegangen.

Nicht ohne mein bayrisches Terroristenschaf, das in meiner neuen Heimat gleich mal meinen Tisch in Brand gesteckt hat. Liebe Annemarie, wenn es etwas postives gibt, das ich aus Waldorf außer schöner Erinnerungen an meine Schülerleins mitgenommen habe, so ist es die Freundschaft zu Dir. Ohne Dein Mantra “Ich nehme an dieser Krise nicht teil” hätte ich den starken Wellengang nicht gemeistert. Ob es Krambambulis waren, die meine Rohre verstopft haben oder ob es die schönste Torte der Welt zur Konfirmation meiner Tochter war, immer warst du da, saßt mit deiner charmanten phlegmatisch-positiven Art in sämtlichen Küchen und hast wenns mal wieder nix zu lachen gab einfach Tiramisu gemacht und ich freue mich, dass dich der deutsche Faschingstrubel bald wieder auf die Insel verschlägt, denn die Abende mit Dir in einer Küche, die nie früh enden, die fehlen, trotz Skype. Einen Kapitän wie dich wünsche ich jedem Schiff und wollen wir einfach hoffen, dass noch viele Fahrten dich an die irische Küste verschlagen, wo für Schafe immer ein Platz sein wird.

1953

Eine echte Chaosgurkentruppe braucht auch einen mindestens genauso irren Onkel, der mal eben kurzerhand sein Frankfurter Junggesellendomizil umrüstete um zwei Kinder und einen Hundejugendlichen zu beherbergen. Der Neustarts mit Vertrauen und Contenance und vielen dummen Sprüchen aufheitert. Der der aufgeregten Freundesmeute ein “die machen das schon!” entgegensetzt. Wer einen Onkel hat und seis auch nur der Beuteonkel, der Kindern als Sprachführer nicht etwa einen Langenscheidt schenkt, sondern “Scheisse”, ein Handbuch für Flüche aller Lebenslagen in zwei Sprachen, dem kann wenig passieren.

scheisse-real-german-you-were-never-taught-in-gertrude-besserwisser-paperback-cover-art

Auch geht es nicht ohne die Pferdewirtintante, die bereits mit ebenso stoischem Gemüt eine Geburt mit mir gemeistert hat und die man selten sieht, aber auf die man immer zählen kann, wenns brennt. Die mal eben 12 Stunde nach Bayern kurvt mit Paketband und Kartons im Gepäck um die Ausreise fachgerecht zu begleiten. Aber wers in der Delzschen Dachkammer ausgehalten hat, den wirft eh nix mehr um.

Schafe, Pferde, fehlt ein Schäfer, nicht wahr? Lieber Stefan, warum ich eigentlich immer Phlegmatiker als Freunde brauche kannst wohl du am besten erklären. Jemand der haarnadelscharf einen LKW einparken kann, der fachgerecht Möbel auseinanderbaut (okay ich habe nie herausgefunden wozu die Schrauben gut waren in der einen Tüte) Was würde ich ohne unsere stundenlangen Telefonate machen, ohne deinen subtilen schwarzen Humor. Stefan, der vermutlich den Untergang der Titanic nicht mit Celine Dion Klängen verwüstet, sondern einen bösen Witz über Eisberge machen würde…gefolgt von einer mindestens ebenso ausführlichen Abhandlung über Eisberge im Allgemeinen.

Gerne auch im Umfeld der liebsten Isolde gesehen, die es gleich zweimal schaffte, das Wohlergehen von uns aufs genaueste zu überprüfen. Die nasse Füße unter Gaststättenhandföhns trocknet, weil eine toughe Frau macht aus alles entweder einen Hut oder einen Salat manchmal auch einen Krummbierasalod. Die härteste Schwäbin unter der Sonne kocht auch mal eben mit Schäfers ganze Konfirmationdinners und hat zum Glück für jede passende Situation einen ebenso dummen Spruch oder eine schwäbische Lebensweisheit übrig.

S’Leba isch halt koin Schloddzer und s geit halt nix, was mer net mit nem Whisky und em Muggabadscher wieder no bringt.

Ankommen ohne die alten Freunde, das ist hart. Wenn da nicht schon einer gewartet hätte. Dear Jonny, I will always think of sand, no matter what will happen. Thanks for being the most cynical, incredible friend one can have on this island. Noone will think of buying sheets and glasses and whisky as welcome presents. Thanks for the heartwarming welcome when I set foot alone on irish land.

Aber neue Heimaten brauchen neue Freunde und deshalb zum Schluss einen dicken Drücker an meine Beutenichte Marie. Niemand sonst sorgt als erstes dafür, dass man noch mehr Hunde hat. Niemand trägt furchtbare Wollmützen so elegant wie du und mit niemand sonst kann man Colin Farrell Filme schauen, oder Aristocats oder Weihnachtsfilme. Schön, dass du auch hier bleiben wirst, auf dass du noch viele Male beim Kochen assistierst, über Flynni drüberfällst oder die Hexe mit der Wollmütze und der Katze gibst. Schön, dass wir dich ein bisschen adoptieren durften und irgendwann wirds auch noch was mit Anita, der Cordalis war ja Gott sei Dank Grieche und nicht aus einem anderen südlichen Land, das hier nicht erwähnt werden soll.

Ich danke Euch für Eure gute Laune, Euren Phlegmatismus, Euren Starrsinn es mit uns Chaoten auszuhalten. In diesem Sinne

Merry christmas and see you next year.

Advertisements

2 thoughts on “Kleine Helden

  1. Stefan says:

    Nächstes Jahr, hey das ist ja schon bald. Ik freu mir – wie meine berliner Kolleschen sagen würden.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: