Ein Tag im Leben eines facebook Gutmenschen

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January 9, 2014 by Syd

In letzter Zeit, wenn ich so meine Timeline auf Facebook anschaue beschleicht mich immer mehr der Gedanke, dass trotz aller Anstrengung ich ein totaler Fail bin, so als Gutmensch und während ich heute so im Bus saß, habe ich mich ernsthaft gefragt, wie so ein ethisches Gutmenschentum gemessen an den Facebookideen des Tages an einem einzigen Tag aussehen mag.

Morgens schleicht man wohl gelaunt aus dem Bett, inspiriert vom ersten Katzenfoto des Tages. Natürlich mit einer Katze, die man eben aus dem Tierheim gerettet hat. Alles gut also (Noch bin auch ich ein Gutmensch, habe fünf davon, plus Hund, jawohl aus Portugal, nicht vom Züchter).

Fröhlich stöpselt man denn die Kaffeemaschine in die Ökostromdose und löffelt den transfair Kaffee rein und schöpft das fluoridfreie Wasser aus dem Brittafilter in den Wassertank zu den Klängen einer total hippen Weltmusikkombo, bei deren Didgeridooklängen die Aborigines wahrscheinlich glauben, der Nachbarstamm habe eben zum Krieg geblasen. Nach dem Konsum eines sauerteig-glutenfreien Vollkornbrots vom Biobäcker mit veganem Sojaaufstrich macht man sich zu Fuße dann zum Bus auf, Ökobilanz!!!! (Okay Busfahren, Ökokaffee, check, naja das mit dem Strom….)

Angekommen beim total sozialen Arbeitgeber, der sein Gebäude mit Strom aus der hauseigenen Solaranlage betreibt und bei dem man in total familienfreundlichen Gleitzeitschichten arbeitet, widmet man sich erst einmal der nachhaltigen Arbeit. Denn selbstverfreilich liegt diesem am Herzen nur Kunden, deren Ökobilanz die Yanomami alt aussehen lässt, zu betreuen. Vielleicht also arbeitet man bei ner Ökobank, die Kleinstkredite an indische Teppichknüpfer vergibt, aber nur, wenn diese auch so arbeiten und garantiert fleisch- und ideologiefrei leben, Frauen gleichstellen, keine Kinderarbeit fördern und lokal verkaufen. (oh Mann, morgen mal nachfragen wo der Strom herkommt in meinem Job und wies mit nem Muttersabbatjahr aussieht)

In der Mittagspause trifft man sich mit den Kollegen zum Yoga Awareness Training. Geist, Seele und Körper müssen im Einklang sein, sonst wirds nix mit dem Facebookupdate über Mindfulness. (Ich fürchte Starbucksaufenthalte gelten nicht als Alternative. Aber es war Sojamilch im Kaffee)

Beschwingt geht man dann dem Feierabend entgegen und liest sich durch die Timeline. Leider fällt der Nachtisch aus, denn Alpro mag vegan sein und sogar Gentechnikfrei, aber oh je je, beim Weiterlesen bleibt einem der Oreokeks im Halse stecken. Da hat man doch glatt von einer antisemitischen Christensekte nen Aufstrich gekauft. Und ein Foto davon gepostet. Den shitstorm überlebt man dann auch nur, wenn man geknickt in der Ecke die Gebetskette von einem Superguru abbetet. Schnell Inspiration holen und bei der sustainability community reinschauen wies besser geht. Liebe, Licht, wow. Da wohnen die doch glatt rechnungsfrei auf ihrer Farm, zahlen keine Steuern, den Strom haben sie sicher von der Solaranlage, die ihnen Greenpeace gesponsort hat und die Applecomputer mit denen sie ihre Videos erstellen, haben sie trotz der natürlich kritischen Lage der Arbeiter in China nur angenommen, weil sie ihnen jemand aufgedrängt hat. Endlich, lasst uns lieben, Sonnenschein, Tod dem Kapital und der Krankenversicherung, weil bekanntermaßen wird man da nicht krank. Dumm nur wenn man selber in einem Land wohnt, indem der liebe Gott, also nicht der der total fiesen Katholen da, vergessen hat den Hahn seiner Ökodusche abzudrehen.

Auch wollen die Iren irgendwie Steuern und so und mein Stromunternehmen will leider meine selbstgemachte Avocadocreme auch nicht gegen Strom tauschen. Also fix zu weniger besseren Menschen um sich besser zu fühlen. Wow Helene Fischer. Nee lieber nicht. Dann schnell ein paar gute Zitate von Thich Nhat lesen oder mit Deepak meditieren. Ein Gebet für Michi Schuhmacher sprechen, Healing Energy. Ach Mist, da sagt einem wieder jemand, dass man kein Mitleid mit dem Michi haben darf, Steuerflüchtling, Ökoschwein und in Afrika sterben so viele Menschen beim Skifahren an die man jetzt auch wieder nicht gedacht hat.

Dann an Angie denken, die rettet immerhin Europa auf Krücken. Halt, die Angela, ja die bietet keine Mitfahrgelegenheit in ihren Staatskarrossen. Also gibts kein Mitleid. Aber sie ist doch ne Frau, also doch. Frauensolidarität, immerhin hat sie gefunden, dass Thomas Hitzlspergers Coming Out bewundernswert ist. Oh nein, Thomas, der is kein Held, weil er bis zur Rente gewartet hat, bis er sich geoutet hat. Notiz an mich: Coming out is nur gut, wenn man das beim Basketballspiel in Nordkorea macht. Thomas, wir üben also noch. Jetzt immerhin werden da in Syrien chemische Waffen abtransportiert.

Nach zehn weiteren Superupdates samt shitstorm auf den Nachrichtenseiten, weiß ich, dass meine Freunde nicht um den Paul trauern, weil Rennfahrer, Ökobilanz und ausserdem Syrien. Sie essen auch keinen Brotaufstrich von Antisemiten, lieber Fleisch, is besser, weil wo sollen die ganzen Viehcher denn jetzt hin, wenn wir sie nicht essen. Und wer soll dat ganze Wasser trinken, etwa die afrikanischen Kinder, die müssen doch Skifahren. Nur, Pelz also das geht nicht. Pelz trägt man nicht. Weiß Facebook und empfiehlt mir das bei jedem neuen Katzenfoto das ich hochlade zu taggen. (Ja, ich lerne catcontent is wichtig)

Und so bleibt am Ende nur eines. Helene Fischer. Da wirds einem warm ums Herz, da wird die Welt gerettet und die Helene hatte sicher auch mal keine Heizung. Im schlimmsten Falle kann man ja noch nen Film auf Arte schauen. Sowas wie Yoga macht der liebe Gott nur in Island. Total gute Kritiken. Nicht so ne Kommerzmarvelscheiße, die sich nur die Unterschichtengeeks ansehen.

Ich kauf mir ein Didgeridoo, In Irland verstehen das selbst die Leute aus Cork nur als das was es ist. Untalentierter Lärm von den komischen Hippies nebenan.

P.S. Am Rande bitte bemerkt. Ich erkenne mein Fehlverhalten darin auch wieder und schwöre keine buddhistischen Weisheiten in diesem Jahr mehr zu posten, sondern nur noch Helene Songs.

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